Pattrick Watt, wie hat sich die Qualität der britischen Entwicklungszusammenarbeit seit der Fusion verändert?
Sie hat sich dramatisch verschlechtert. Das bestätigt auch der unabhängige Aufsichtsdienst der Regierung, die „Independent Commission for Aid Impact“ (ICAI). Zunächst sind viele erfahrene DFID-Fachkräfte nach der Fusion gegangen und das Außenministerium hatte wenig Erfahrung in der Verwaltung von Entwicklungshilfe und großen Geldbeträgen. Mittelfristig führte die Fusion zu Kürzungen für die ärmsten Länder und einer Umverteilung der Mittel hin zu Ländern mit mittlerem Einkommen, weil diese für Großbritannien geopolitisch und wirtschaftlich wichtiger wurden. Außerdem verstärkte sich unter anderen Ministerien der Trend, Gelder aus dem Hilfsbudget abzuzapfen und diese als offizielle Entwicklungszusammenarbeit (ODA) anzurechnen. Heute wird fast ein Drittel der britischen Entwicklungshilfe für die Aufnahme von Geflüchteten und Asylbewerber*innen im eigenen Land verwendet.
Was hat die Abschaffung des DFID für die Außenwahrnehmung der britischen Entwicklungspolitik bedeutet?
Sie hat Großbritanniens Position als engagierter Akteur in der Entwicklungshilfe stark geschwächt, besonders in den ärmsten Ländern. Weniger Mittel bedeuten, dass viele Organisationen eher ums Überleben kämpfen als sich auf die Wirkung ihrer Arbeit zu konzentrieren. Man muss außerdem verstehen, dass diese Fusion das Ergebnis einer mindestens zehn Jahre langen Kampagne gegen das Hilfsbudget war, die von rechten Medien und Teilen der konservativen Partei vorangetrieben wurde.
Und die Kürzungen gehen weiter. Wie bewerten Sie die geplante Reduzierung im Entwicklungshilfebudget von 0,5 auf 0,3 Prozent des BNE?
Die neuesten Kürzungen im Hilfsbudget lassen kaum noch Mittel für langfristige Entwicklungszusammenarbeit übrig. Wenn die Regierung weiterhin die Kosten für die Aufnahme von Geflüchteten und Asylbewerber*innen als ODA anrechnet, liegt das verbleibende britische Hilfsbudget effektiv bei nur etwa 0,15 Prozent des Bruttonationaleinkommens. Ein Großteil dieses Budgets ist schon an die UN, das IDA-Fenster der Weltbank und die private Investitionsabteilung der britischen Regierung (BII), gebunden. Die Mittel für internationale NGOs aus dem Foreign, Commonwealth and Development Office (FCDO) wurden bereits stark gekürzt.
Und wie passt Christian Aid seine Arbeit darauf an?
Christian Aid erhält seit 2021 keine Gelder mehr von der britischen Regierung. Wir sind glücklicherweise nicht so abhängig von der britischen Regierung wie einige andere Organisationen, die auf ihre Heimatgeber angewiesen sind. Wir haben unsere Einkommensbasis diversifiziert – vor allem durch regelmäßige monatliche Spenden und Erbschaften. Rund 70 Prozent unserer Einnahmen kommen von privaten Spender*innen.
Trotzdem müssen wir weiterhin hart daran arbeiten, unsere Unterstützungsbasis zu erweitern und neue Finanzierungsquellen zu erschließen – insbesondere über Stiftungen und Trusts. 2025 werden wir tiefgreifende Veränderungen in unserem Organisationsmodell umsetzen, die uns schlanker und agiler machen und gleichzeitig mehr Raum und Mittel für unsere Partner schaffen.
Auch in Deutschland wird über Kürzungen diskutiert. Welchen Tipp haben Sie für uns, um das öffentliche Bewusstsein für die Folgen finanzieller Einschnitte zu schärfen?
Es ist wichtig, dass Wähler*innen ihre Abgeordneten auf die Kürzungen ansprechen und ihre Meinung äußern. Christian Aid hat immer betont, dass Entwicklungshilfe nur ein Teil des Beitrags Großbritanniens im Kampf gegen Armut und Ungleichheit ist – zusammen mit Klimaschutz, Reformen der Finanzarchitektur und Diplomatie für den Frieden. Wir wollen weder die Rolle der Hilfe übertreiben noch die echten Probleme innerhalb des Hilfesystems verharmlosen. Meine größte Sorge ist, dass Kürzungen letztlich die Solidarität untergraben und eine Politik des „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ fördern.
Sehen Sie trotz alledem an irgendeinem Punkt auch so etwas wie eine Chance für die Entwicklungszusammenarbeit in Zeiten von Haushaltskürzungen?
Jede Krise birgt auch Chancen. NGOs waren in der Vergangenheit vielleicht zu sehr auf offizielle Entwicklungshilfe angewiesen und haben dabei ihre ursprüngliche Aufgabe aus den Augen verloren. Christian Aid wurde nicht gegründet, um Hilfe im Auftrag offizieller Geber zu leisten, sondern als Ausdruck des Gebots von Jesus, unseren Nächsten zu lieben – insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, als Millionen Menschen in Europa ihre Heimat verloren hatten.
Wir müssen die ursprüngliche Vision, die unsere Organisationen angetrieben hat, wiederentdecken und uns auf unsere Hauptrolle als Brücke zwischen der Solidarität unserer Unterstützer*innen und den Gemeinschaften auf der ganzen Welt besinnen, die bereits aktiv daran arbeiten, ihr Leben zu verbessern.