Die 12-Jährige mit den langen Zöpfen und der Zahnspange ist vor zwei Jahren mit ihrer Familie nach Santo André gezogen.
Brasilien ist das fünftgrößte Land der Welt – und eines der bevölkerungsreichsten. Rund 215 Millionen Menschen leben in dem südamerikanischen Land.
São Paulo ist mit zwölf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern die größte Stadt Brasiliens.
Das Zentrum ist geprägt durch die Hochhäuser der Banken, Versicherungen und Konzerne. Im Gegensatz dazu stehen die zahlreichen Armensiedlungen, so genannte „Favelas“, an den Rändern der Stadt.
An kaum einem anderen Ort prallen Elend und Luxus so brutal aufeinander.
In den „Favelas“ leben über zwei Millionen Menschen. Die Kinder und Jugendlichen hier haben kaum eine Chance, dem Teufelskreis von Armut und Gewalt zu entkommen.
Auf engstem Lebensraum teilen sie sich mit der ganzen Familie wenig Platz, aus ihrem Viertel kommen sie so gut wie nie raus.
Häufig befinden sie sich von Anfang an in einer Abwärtsspirale, aus der sie nicht entfliehen können. Genau hier setzt unsere Partnerorganisation Açao Educativa an.
Unter anderem nutzt Açao Educativa den „Futebol de Rua“ (Straßenfußball), um den Kindern und Jugendlichen Werte wie Fairness, Respekt und Eigenverantwortung zu vermitteln.
Dabei geht es nicht um die Ausbildung von Athletinnen und Athleten, sondern vor allem darum, junge Menschen zu stärken, damit sie selbstbewusst ihre Chancen erkennen und später Verantwortung übernehmen.
Bevor das Spiel startet, legen die Kinder selbst die Regeln für einen fairen und respektvollen Umgang fest. Dazu zählt beispielsweise der Verzicht auf Schimpfworte. Stattdessen wollen sie füreinander Eintreten und gemeinsam Sport treiben.
Das Fußballspielen macht vor allem viel Spaß – viele der Kinder und Jugendlichen können sich ein Leben ohne die regelmäßigen Fußballtrainings gar nicht mehr vorstellen.
In Santo André, einem Vorort von São Paulo, trainieren rund 60 Kinder bei den „Piratinhas“ (kleine Piraten). Mittendrin: Maria Eduarda de Almeida Barbosa, genannt Duda.
Seitdem hat sie kein Training der „Piratinhas“ verpasst. Sie freut sich jedes Mal darauf, zusammen mit ihren Freundinnen und Freunden den Ball übers Spielfeld zu kicken.
Insgeheim träumt Duda von einer Profikarriere als Fußballerin – wie viele der Kinder und Jugendlichen. Falls es mit dem Profifußball nicht klappen sollte, möchte sie Sport studieren.
Dudas Eltern sind mächtig stolz auf ihre Tochter und bemühen sich um einen geregelten Tagesablauf für sie: Ihre Mutter nimmt sie morgens auf dem Motorroller mit zur Schule, nach dem Unterricht geht sie zu ihrer Oma, ihr Vater holt sie dort ab. Das gilt für viele andere junge Menschen in den Armenvierteln nicht.
„Es gibt viele bedürftige Familien hier“, sagt Jane Meire da Silva, die gemeinsam mit zwei Kolleginnen die „Piratinhas“ betreut. Den Jugendlichen in Santo André mangelt es an vielem: Fußballschuhen, Trikots, einem Versammlungsraum für Feiern und sonstige Aktivitäten. Wichtig sei deswegen bei den „Piratinhas“ insbesondere der Zusammenhalt untereinander, sagt Jane.
Jane Meire da Silva ist ein echtes Vorbild – vor allem für die Mädchen in der Gruppe. Die 38-Jährige hat eine harte Zeit hinter sich: Mit 18 Jahren wurde sie Mutter, als Alleinerziehende musste sie früh viel Verantwortung übernehmen.
Heute setzt sie sich dafür ein, dass die Mädchen, die zu ihr kommen, schon früh lernen, für sich einzustehen.
Auf die Integration von Mädchen wird bei den „Piratinhas“ viel Wert gelegt. Dass sie in gemeinsamen Teams mit den Jungen spielen, wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen.
Jane und ihre Kolleginnen haben schon früh damit begonnen, traditionelle Geschlechterrollen zu hinterfragen. „Duda hat eine tolle Entwicklung gemacht. Sie sagt den Jungs inzwischen selbstbewusst ihre Meinung“, berichtet Jane stolz.
Auch auf dem Spielfeld ist Jane begeistert dabei – die Kinder und Jugendlichen in Santo André zahlen es ihr mit viel Liebe zurück.
„Bei den 'Piratinhas' haben wir insgesamt 300 Kinder, davon sind nur 30 Mädchen“, sagt Jane Meire da Silva. „Wenn Mädchen zu uns kommen, brauchen sie mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge. Die geben wir ihnen, denn wir wollen, dass sie lernen, sich durchzusetzen und selbständig zu sein.“
Die Mädchen in den „Favelas“ von São Paulo sind vielen Risiken ausgesetzt: körperlicher Gewalt, sexuellem Missbrauch, Zwangsprostitution. Aber auch für die Jungen hat Jane immer ein liebevolles und aufmunterndes Wort parat. Duda nennt sie deshalb auch „Mutter für alle“.